Diagnostische Wertigkeit von Okulomotorikparametern bei der Progressiven supranukleären Blickparese
Diagnostische Wertigkeit von Okulomotorikparametern bei der Progressiven supranukleären Blickparese
A plain-language reading has not been prepared for this paper yet.
Original abstract
Die progressive supranukleäre Blickparese (PSP) ist eine Erkrankung mit Parkinsonismus, die ihren Namen durch charakteristische Augenbewegungsstörungen - die vertikale Blickwendungsverlangsamung - erhalten hat. Es liegt nahe, diese Auffälligkeit für diagnostische Zwecke zu nutzen. In den neuen Diagnosekriterien der Movement Disorder Society (MDS) unterstützten PSP-Study-Group von 2017 bildet die Okulomotorik eine der relevanten Säulen, auf deren Basis die Diagnose der PSP gestellt wird (O-Kriterium). Das Ziel dieser Studie war es, die Wertigkeit einzelner Okulomotorikparameter zu analysieren und eine mögliche Eignung als Diagnostik- und Verlaufsmarker herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck erfolgte eine Analyse der videookulographischen Untersuchungen der glatten Blickfolgebewegung und visuell geleiteten reaktiven Sakkaden von 100 PSP-Patienten und 49 Kontrollpersonen. Jeder der untersuchten Okulomotorikparameter (bei der glatten Blickfolgebewegung Gain, bei den Sakkaden Reaktionszeit, Gain, Maximalgeschwindigkeit, Asymmetrie der Geschwindigkeiten auf- und abwärts, Rate der sakkadischen Intrusionen) war bei PSP im Vergleich zur Kontrollpopulation signifikant reduziert (jeweils p<0,0001). Diese Veränderungen der Okulomotorik bei PSP sind kongruent mit dem aktuellen Wissensstand, so dass eine gezielte Untersuchung der Wertigkeit bestimmter Parameter möglich war. Die definierten Grenzwerte könnten in Zukunft in der Klinik vergleichbare Entscheidungen erlauben. Der Grenzwert der vertikalen Sakkadengeschwindigkeit lag für beide Komponenten bei etwa 240°/s, wodurch ca. 70% der Patienten erfasst werden konnten. Bei den sakkadischen Intrusionen ergab sich ein Cut-off-Wert von 9,60°/s. Ca. 56% der Patienten erreichten höhere Werte. Durch die Kombination beider Parameter wurden knapp 80% der Patienten erfasst. Auf der Grundlage der Grenzwerte imponierten die maximale vertikale Sakkadengeschwindigkeit und die sakkadischen Intrusionen mit einer hohen Spezifität von über 95%. Die Sensitivität lag bei maximal 60% bei den vertikalen Geschwindigkeitskomponenten und 54,2% bei den sakkadischen Intrusionen. Diese gute Wertigkeit bestärkt die Tauglichkeit der aktuellen Form der Nutzung in den MDS-PSP Diagnosekriterien als O2- und O3-Kriterium innerhalb einer von vier zur Diagnosestellung angewandten Säulen. Auch die Analyse der Wertigkeit der anderen Bereiche (vertikale Blickparese als O1-Kriterium sowie posturale Instabilität, Hypo-/Akinese und kognitive Dysfunktion) könnte zur Verbesserung der Diagnosestellung beitragen. Der anhand einer speziellen Formel berechneten Asymmetrie der vertikalen Sakkadengeschwindigkeiten konnte dagegen bei einer zwar ähnlich hohen Spezifität, aber einer Sensitivität von nur 27,1% kein gleichwertiger Stellenwert als Ergänzung der Diagnostik beigemessen werden. Vertikale Sakkadengeschwindigkeiten galten ab einem Wert von 0,42 als asymmetrisch. Davon waren ca. 34% der Patienten betroffen. Die überwiegende Zahl der Patienten (63,5%) führte schnellere Ab- als Aufwärtssakkaden aus; im Hinblick auf die allgemeine Bewertung der Literatur ist die Befundlage hier noch heterogen. Kein Parameter zeigte eine Korrelation mit der Erkrankungsdauer oder physischen Beeinträchtigung. Da sich hierdurch keine klaren Hinweise auf eine Eignung von Okulomotorikparametern als Verlaufsmarker finden ließen, sollte das Hauptaugenmerk hierfür auf andere Biomarker wie beispielsweise die Bildgebung gerichtet werden. Zwischen den beiden häufigsten Subtypen PSP-Richardson-Syndrom und PSP mit prädominanter Parkinson-Symptomatik fanden sich keine Unterschiede. Es ergaben sich keine Anhaltspunkte auf eine Möglichkeit zur Subtypenunterscheidung mittels Augenbewegungen. Zusammenfassend ermöglichte in der vorliegenden Studie die videookulographische Untersuchung von PSP-Patienten eine detaillierte Analyse pathologisch veränderter Okulomotorikparameter und konnte hierbei eine anhand definierter Grenzwerte berechnete hohe Wertigkeit der maximalen vertikalen Sakkadengeschwindigkeit und der sakkadischen Intrusionen zeigen, was deren Eignung als Teil der MDS-PSP Diagnosekriterien deutlich herausstellt, wohingegen die Wertigkeit der Asymmetrie der vertikalen Geschwindigkeiten limitiert war. Quantitative Objektivierungen klinischer Parameter bieten auch in Zukunft eine gute Möglichkeit zur Einschätzung und Verbesserung der Qualität der zur Diagnosestellung verwendeten Charakteristika.